Ist frei sich bilden ganz einfach?

Die Entscheidung ist getroffen. Der Sohn oder die Tochter geht nicht mehr zur Schule und bildet sich von zu Hause aus. Damit kann für die Eltern ein unsicherer Weg beginnen. Auch wenn sie sich schon mit den Themen „Freilernen“, „Bildung ohne Schule“, „Unschooling“ oder „Home Education“ beschäftigt und womöglich schon einiges dazu gelesen haben, ist der Schritt in die Praxis dann doch etwas anderes. Eltern haben oft (auch unbewusst) eine gewisse ideale Vorstellung von der Praxis im Kopf. Dies kann eine Vorstellung von schulisch orientiertem Lernen sein, weil man nichts anderes kennt. Aber ebenso kann auch ein Bild von Unschooling/Freilernen da sein, entstanden durch entsprechende Literatur, in welchem der junge Mensch aktiv die eigene Bildung in Angriff nimmt.

 

Deschooling – ganz einfach

Es gibt junge Menschen, bei denen gestaltet sich der Übergang leicht. Da stellen Eltern dann nach kurzer Zeit fest, dieser Wechsel war genau das Richtige für den jungen Menschen. Es erscheint so, als ob das Korsett, was ihn vorher eingeengt hat, jetzt weg ist und alle Energie in den eigenen Bildungsprozess fließen kann. Diese jungen Menschen finden immer eine Beschäftigung und haben Ideen, denen sie nachgehen. Wir haben dies mit einem unserer Söhne erlebt, der auf die Frage seiner Oma, wann er denn mit Lernen beginnen würde, antwortete: „Jetzt mache ich erst Mal drei Wochen Ferien und dann fange ich an!“ Genauso klar wie diese Antwort hat er dann auch seine Bildung in die Hand genommen.

 

Oder doch nicht so einfach

Leider verhält es sich aber nicht bei jedem jungen Menschen so, dass die Umgewöhnung so schnell geht. Viele haben im Laufe ihrer Schulzeit vergessen, was sie eigentlich interessiert und können ihre Bedürfnisse nur schlecht spüren. Es können tiefe Verletzungen aus der Schulzeit vorhanden sein, die den jungen Menschen alles ablehnen lassen, was auch nur von weitem nach Lernen riecht. Dies kann dazu führen, dass der Alltag am Anfang erst einmal gar nicht so schön aussieht, wie sich Mutter oder Vater dies vorgestellt hat. Langeweile kann den Alltag bestimmen und stundenlanges Hocken vor dem Computer, dem Fernseher oder der PlayStation. Der Tag- und Nachtrhythmus verschiebt sich und die jungen Menschen schlafen bis in den Nachmittag und sind dafür dann bis in die Morgenstunden wach. All dies wird von vielen Eltern als bedrohlich empfunden und kann Angst auslösen. Gerade wenn sie sich womöglich schon ausführlich mit der Philosophie des Freilernens oder Unschooling auseinander gesetzt haben, gelesen haben, dass es darum geht, den jungen Menschen als Individuum anzuerkennen, das Vertrauen darin zu haben, dass dieser Mensch weiß, was er braucht und weiß, was ihn interessiert. Und sie sehen sich dann einem jungen Menschen gegenüber, der nicht weiß, was er will, dem langweilig ist oder der sich exzessiv mit Computerspielen beschäftigt. Diese Angst kann dann zum Beziehungskiller werden, Auseinandersetzungen können folgen und die gewünschte Vertrauensbasis kann erstmal in weiter Ferne scheinen.

 

Herausforderung für Eltern

Mit den eigenen Töchtern und Söhnen einen anderen Bildungsweg zu gehen, ist eine Herausforderung für alle, ganz besonders eben auch für die Eltern. Auch sie begeben sich auf einen neuen Bildungsweg. Für Mütter und Väter kann das heißen, ihre Vorstellungen von Bildung in Frage zu stellen, ihr Bild von „richtigem“ und „falschem“ Verhalten, von richtigem und falschem Lernen – gerade in Bereichen, in denen es kein richtig und falsch gibt, sondern tradierte gesellschaftliche Sichtweisen, die unhinterfragt seit langem weitergegeben werden. Tradierte Sichtweisen zu hinterfragen, kann dazu führen, dass sich in der Beziehung zum jungen Menschen etwas ändert, weg von dem Modell der allwissenden und tonangebenden Eltern hin zum Zuhören, Wahrnehmen und Akzeptieren. Damit öffnet sich eine Chance, die Beziehung zu verbessern.

 

Akzeptieren

Zum Akzeptieren gehört, zu erkennen, dass es Zeit braucht, bis die Tochter oder der Sohn in sein neues Leben hinein gefunden hat. Die meisten von uns „Erwachsenen“ haben selbst schon Brüche in ihrem Leben durchlebt und wissen aus eigener Erfahrung, dass bei einem raschen Wechsel von einer Lebenssituation in eine neue Situation Anfangsschwierigkeiten bewältigt werden müssen. Wenn wir uns bewusst machen, welch grundlegende Änderung beim Wechsel von einer überwiegend fremdbestimmten Bildungssituation hin zum Übernehmen der Verantwortung für die eigene Bildung stattfindet, kann es nicht verwundern, wenn es hin und wieder Probleme gibt. Ich würde es mit der Situation eines Erwachsenen vergleichen, der sich nach einer Zeit im Angestelltenverhältnis selbstständig macht. Nachdem er bisher zugewiesene Aufgaben abgearbeitet hat, ist er plötzlich für alle Bereiche selbst verantwortlich, muss selbstständig strukturieren und organisieren. Die eigene Bildung für sich selbst wieder zu erobern, kann eine ähnliche Herausforderung sein.

 

Wahrnehmen

Zum Wahrnehmen gehört, Verletzungen zu erkennen und den jungen Menschen dabei zu begleiten, diese zu überwinden. „Zeit heilt alle Wunden“ heißt es. Oft genug habe ich beobachtet, dass dies auch in diesem Bereich zutrifft. Das heißt nicht, dass wir oder unsere Tochter, unser Sohn nicht auch Hilfe in Anspruch nehmen können, wenn die Verletzungen zu tief sind. Aber in jedem von uns stecken enorme Selbstheilungskräfte, die uns helfen, zu gesunden. In dieser Zeit braucht es zeitweise feine Fühler, um die Interessen und Bedürfnisse der eigenen Töchter und Söhne zu erspüren, um sie dabei zu unterstützen, diese zu verwirklichen. Wird dies nicht als Pflichterfüllung aufgefasst, können Eltern dabei für sich selbst wieder die Begeisterung für unbekannte oder vernachlässigte Themen finden. Auch kann es großen Spaß machen und die Beziehung fördern, Themen gemeinsam zu erkunden oder gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden. Manche jungen Menschen empfinden jegliche Vorschläge vonseiten der Eltern als Einmischung. Dann kann es heißen, sich selbst in Geduld zu üben und diese ihrem eigenen Prozess zu überlassen. Langeweile, lang genug ausgehalten, führt zu neuen Ideen.

 

Vertrauen schaffen

Junge Menschen, die in der Schule einen langen Leidensweg hatten, haben oft von ihren ebenfalls mit der Situation überforderten Eltern in dieser Zeit widersprüchliche Botschaften bekommen. Bei mir schwankten diese Reaktionen zwischen Ignoranz in meist nicht ausgesprochenen Sätzen wie „Ich will meine Ruhe haben! Mach doch einfach, was die Lehrer sagen! Verhalte dich so unauffällig wie möglich!“ und mich in Gesprächen für mein Kind stark zu machen, oder mich durch das Leid meiner Kinder in eigenen alten, unverarbeiteten Erinnerungen zu verlieren. Sowohl die Ignoranz als auch das Verlieren in eigenen Erinnerungen sind für den Sohn oder die Tochter nicht hilfreich, um eine Vertrauensbasis zu schaffen. Vermischen sich allerdings die Botschaften und sind mal unterstützend, mal ignorierend oder sogar anklagend, führt dies zu großer Verunsicherung beim jungen Menschen.

Es braucht Zeit, bis der Sohn, die Tochter wieder Vertrauen fassen kann und den Eltern gegenüber Offenheit zeigen kann. Meiner Erfahrung und Beobachtung nach ist es hier hilfreich, als Mutter, Vater oder andere Bezugsperson mit dem Vertrauen eine Art Rahmen bereit zu stellen oder zu halten: „Ich sehe, dir geht es nicht gut, ich bin aber sicher, du schaffst es, aus der Verwirrung herauszufinden.“

 

Zuhören

Es ist einfach, zu sagen, dass Vertrauen in den jungen Menschen das Wichtigste für ihn und den Bildungsprozess ist. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es nicht immer einfach ist, dieses Vertrauen zu halten. Die Angst nicht nur zu spüren, wenn der junge Mensch erst nachmittags aus dem Bett kommt und dann gleich vor dem Computer verschwindet, sondern sie auch auszudrücken, darüber mit der Tochter oder dem Sohn ins Gespräch zu kommen, führt zum Zuhören. Die Angst zu nutzen, um ins Gespräch zu kommen, setzt allerdings voraus, unsere Ängste und Befürchtungen zu hinterfragen.  Welches Verhalten löst die Angst aus? Ist diese Angst begründet? Junge Menschen haben feine Fühler und spüren diese Angst. Daher kann das Aussprechen der eigenen Angst dazu führen, mit der Tochter, dem Sohn ins Gespräch zu kommen über die angstauslösenden Themen und damit zum Zuhören führen. Welche Sicht hat die Tochter, der Sohn zu diesem Thema?

 

Hinderliche gesellschaftliche Glaubenssätze

Bei vielen Verhaltensweisen junger Menschen werden in unserer Gesellschaft Angstszenarien aufgebaut. Die meisten Eltern haben dies beim Thema „Bildung ohne Schule“ schon mitbekommen. Hier werden gerne einfache Kausalketten vermutet: Schulverweigerung ist gleich Bildungsverweigerung! Die Folge ist, der junge Mensch bekommt keinen Abschluss, keinen Job und wird später der Gesellschaft zur Last fallen. Ähnliche Voraussagen gibt es auch fürs Spätaufstehen: „Der bekommt später nie einen Job!“ oder exzessive Computernutzung: „Davon wird man abhängig!“. Diese und ähnliche Aussagen können, gerade wenn sie von Freunden oder Verwandten oft geäußert werden, zu solchen schwarzen Momenten führen, in denen einem selbst ein kleines Teufelchen auf der Schulter sitzt und einem einhaucht: „Da seid ihr aber auf dem besten Weg, einen Versager zu produzieren!“ Werden diese Aussagen nicht hinterfragt, können sie zu Beziehungskillern werden. Was kann also helfen, mit diesen Ängsten anders umzugehen und wieder ins Vertrauen zu gelangen?

 

Ins Gespräch kommen

Auch in unserer Familie, wie in vielen anderen Familien, führte das Thema Mediennutzung zu Auseinandersetzungen. Nach mehreren Jahren der Versuche, Begrenzungen festzulegen und durchzusetzen, aber gleichzeitig auch die Befürchtungen zu hinterfragen, kamen wir zu einer freieren Haltung zu diesem Thema. Es war allerdings ein langer, jahrelanger Prozess mit vielen Gesprächen und Auseinandersetzungen, davon loszulassen, vermeintlich zu wissen, was gut für unsere Töchter und Söhne ist. Auch wenn wir am Ende dieses Prozesses unseren Töchtern und Söhnen die Freiheit zugestanden, die Medienzeit selbst zu bestimmen, waren zumindest bei mir immer mal wieder Befürchtungen zu spüren. Als unsere zwei älteren Söhne erst seit Kurzem zu Hause waren, arbeitete ich noch in einer freien Alternativschule als Schulleiterin. Im Team herrschte die Meinung vor, es sei sinnvoll, den Medienkonsum auch zu Hause am besten gänzlich zu verbieten. Unser jüngster Sohn war zu dieser Zeit noch an dieser Grundschule. Unser Zweitjüngster durfte auch immer wieder mitkommen, obwohl er eigentlich nicht mehr im Grundschulalter war, aber er nicht alleine zu Hause bleiben wollte. Wir selbst hatten keinen Fernseher, aber die beiden waren regelmäßig bei den Großeltern und schauten dort auch fern. Die Situation in unserem Team spitzte sich zu dieser Zeit so zu, dass ich zu hören bekam, wir sollten den Besuch bei den Großeltern unterbinden, da unsere Söhne dort zu viel fernsehen würden. Die Gespräche darüber würden das Geschehen in der Schule negativ beeinflussen. Mal abgesehen davon, dass unsere Söhne nicht die einzigen waren, die fernschauten,  fand ich den Vorschlag regelrecht abstrus. Warum sollten wir die gute Beziehung unserer Söhne zu ihren Großeltern aufs Spiel setzen nur wegen dem Medienkonsum, den sie dort hatten, was ja noch nicht mal jeden Tag vorkam. Obwohl meine eigene Angst in Bezug auf Mediennutzung zu diesem Zeitpunkt nicht mehr allzu ausgeprägt war, meine Kolleginnen es aber doch geschafft hatten, dieses Teufelchen auf meiner Schulter anzufeuern, brachte ich diese Angst im Gespräch mit unserem Söhnen zum Ausdruck und war, wie so oft in solchen Gesprächen, verblüfft über ihre Klarheit. Beide Söhne äußerten, dass sie eine Zeit lang so ziemlich alles angesehen haben, was man in der Feierabendzeit sehen konnte. Sie hatten dabei aber festgestellt, dass viele der Sendungen langweilig sind. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs markierten sie sich alles, was sie gerne sehen wollten, in der Fernsehzeitung der Großeltern um dies dann nicht zu verpassen. Erneut wurde mir durch diese Antwort bewusst, welche Qualität darin liegt, wenn junge Menschen solche Entscheidungsprozesse selbst führen dürfen.

 

Austausch mit anderen Freilernern

Sorgen und Bedenken können auch im Gespräch und Austausch mit anderen Eltern abgebaut werden. Bei Freilernertreffen können gerade Berichte von Eltern älterer Freilerner über den Umgang mit den Anfangsschwierigkeiten hilfreich sein. Zu hören, dass der Sohn von Familie G. ebenfalls drei Jahre lang erst nachmittags aus dem Bett kam und dafür die Nacht zum Tag gemacht hat, kann einen dazu veranlassen, erstmal innerlich aufzuseufzen: „Oh je, so lange müssen wir das aushalten!“ Dann aber zu hören, dass gerade dieser Sohn nun keinerlei Problem hat, morgens in aller Frühe aus den Federn zu kommen, weil er ein Praktikum macht, sorgt für Erleichterung. Diese jungen Freilerner bei Freilernertreffen zu erleben, ihr Auftreten, ihre offene Art und Weise und ihr Umgang mit anderen, mit Erwachsenen, Gleichaltrigen und Jüngeren, kann das sein, was einen am allermeisten von Sorgen und Ängsten befreit.

 

Nochmals unsere Geschichte

Ich freue mich, durch unsere eigenen vielfältigen Kontakte aber auch durch meine Betreuungs- und Beratungsarbeit die Entwicklung vieler junger Menschen oft über Jahre hinweg verfolgen zu dürfen und zu sehen, wie diese gerade auch nach schwierigen schulischen Situationen ihr eigenes Leben (wieder) in die Hand nehmen und meistern. Ich möchte abschließen mit der Geschichte unseres ältesten Sohnes, der ebenfalls eine Zeit gebraucht hat, bis er wieder zu sich gefunden hat. Er hatte eine mehrjährige Mobbingphase in der Schule hinter sich. Nachdem er zu Hause blieb, schlief er in den ersten Monaten viel. Ich hatte vorher die Geschichte „Der schlafende Schüler“ aus der Sudbury Valley School gelesen, die mir zeigte, dass es normal sein kann, nach einem Schulausstieg viel zu schlafen. Mein Eindruck war daher, dass er sich gesund schläft. Er hatte in dieser Zeit verschiedenste Sachen angefangen und sich auch an Projekten der Jüngeren beteiligt, aber es hat einige Monate gedauert, bis er sein eigenes Thema fand. Im Internet fand er eine Anleitung zum Bau einer Schmiedeesse aus Ytong. Er baute diese nach und fing an zu schmieden. Nachdem es mit dieser kleinen Esse nicht ganz so gut klappte wie gedacht, verbesserte er die Konstruktion noch durch den Anbau eines Föns. Leider hielt der Ytong die hohen Temperaturen beim Schmieden nicht lange aus und so brach diese kleine Esse schnell entzwei. Wir kauften daraufhin über einen Bauern in unserer Gegend eine Feldesse und ein paar Schmiedewerkzeuge. Die Begeisterung fürs Schmieden hielt sich über mehrere Jahre. Unser Sohn fand einen Bekannten, der ihm Grundkenntnisse vermittelte und besuchte zu einem späteren Zeitpunkt auch noch zusammen mit seinem Vater Kurse bei einem Schmied. Diese Tätigkeit führte im wahrsten Sinne des Wortes dazu, dass er auch sein inneres Feuer fand. Gerade in seiner Entwicklung stellten wir fest, dass es reicht, die Begeisterung für eine Tätigkeit zu finden. Dies führte dann ganz von selbst auch zu weiteren Themen und Tätigkeiten.

 


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