„Ich will nicht in die Schule gehen!“ – therapiebedürftige Krankheit oder eine gesunde Reaktion?

Vor kurzem hatte ich wieder eine Mutter am Telefon, die durch die Erzählung der Schulverweigerungsgeschichte ihres Sohnes die Eingleisigkeit unseres Systems deutlich machte. Der akzeptierte Bildungsweg für junge Menschen ist der Besuch einer Schule und sonst nichts. Alternativen sind nicht zugelassen. Ja, noch schlimmer, will jemand diesen Bildungsweg nicht mehr gehen, bedeutet dies eine nicht akzeptable Verweigerung, es wird nicht als Willensentscheidung angesehen, sondern als „Verhaltensstörung“, als KrankheitEs wird als selbstverständlich und „normal“ vorausgesetzt, dass alle jungen Menschen die Verpflichtung zum Schulbesuch für sich selbst akzeptieren, ja eigentlich sogar bereitwillig zur Schule gehen. Wenn dies nicht der Fall ist, dann muss therapiert werden, entweder der junge Mensch selbst oder die Eltern oder auch beide.

Aber zurück zu der Situation des jungen Mannes, mit dessen Mutter ich telefonierte. Er ist 16 Jahre alt und will schon seit längerem nicht mehr in die Schule gehen. In den letzten Wochen wurde es ihm gänzlich unmöglich, weiter dorthin zu gehen. Die Schule betrachtet diesen jungen Mann als krank. Von der Schule wurden Gespräche beim Schulpsychologen und weitere therapeutische Maßnahmen vorgeschlagen, die die Familie auch wahrnahm. Eine Änderung der Situation haben sie aber nicht bewirkt. Das Jugendamt wurde eingeschaltet, der junge Mann bzw. seine Familie bekam auch für eine Weile einen Familienhelfer. Dieser sollte ihm helfen, wieder die Schule zu besuchen. Aber auch dieser schaffte es nicht, den jungen Mann zum Schulbesuch zu bewegen. Nun war letzte Woche ein Termin in einer psychiatrischen Einrichtung angesetzt. Natürlich ist die Teilnahme an einem solchen Termin freiwillig, aber der Druck durch Schule und Jugendamt wurde von der Familie als so stark empfunden, dass die Eltern diesen Termin vereinbart haben.

Der junge Mann hatte diesen Termin allerdings nicht vereinbart. Er hatte sich nicht freiwillig für die Teilnahme am Termin in der psychiatrischen Einrichtung entschieden. Am Morgen des Termins äußerte er sehr klar: „Ich will dort nicht hingehen. Ich bin nicht krank!“ Die Mutter nahm dies ernst und suchte nach Alternativen, was zu dem Telefonat mit mir führte. Sie selbst nimmt ihren Sohn auch nicht als krank wahr und meinte, sie könne nicht verstehen, warum die Schule, das Jugendamt und alle anderen Personen, die wegen der Schulverweigerung mit ihrem Sohn zu tun hatten, meinten, er sei krank, wenn er keinerlei „kranke“ Verhaltensweisen an den Tag legt: Er lernt gerne, er raucht nicht, er trinkt nicht und er fällt nicht aggressiv auf.

Wie so oft wirft eine solche Situation bei mir vor allem Fragen auf, Fragen, die mich dann wiederum ins Nachdenken bringen, auch wenn ich es meist nicht schaffe, eine Antwort zu finden. Was steckt dahinter, das unsere Gesellschaft dazu veranlasst, zu denken, es sei eine Krankheit, eine Verhaltensstörung, nicht in die Schule gehen sondern auf andere Art und Weise lernen zu wollen? Warum wird jungen Menschen so nachhaltig vermittelt, Bildung sei nur auf diese eine Art und Weise – in der Schule – möglich? Und sie, die jungen Menschen selbst, seien falsch, „gestört“, wenn sie sich auf eine andere Weise bilden wollen? Ist uns nicht klar, was wir diesen Menschen antun, nicht nur in dieser Situation sondern womöglich für einen langen Zeitraum ihres Lebens, wenn wir ihnen über Jahre hinweg vermitteln, sie seien nicht normal, nicht richtig? Warum steht im Bildungsbereich unsere gesellschaftliche Vorstellung von Bildung im Mittelpunkt und nicht der junge Mensch selbst mit seinen Wünschen und Bedürfnissen? Warum werden junge Menschen nur aufgrund ihres Alters in ihren Entscheidungen nicht ernst genommen und nicht darin unterstützt, diese umzusetzen, so dass es ihnen gut geht?

Absurd wird die Einstufung von Schulverweigerung als Krankheit, wenn ich mir zum Vergleich die Situation eines 19jährigen anschaue, der sich in Ausbildung oder Studium befindet. Entscheidet sich dieser nur 3 Jahre ältere junge Mensch dafür, den eingeschlagenen Weg nicht mehr weiterzugehen, was geschieht dann?. Auch wenn es in seinem Umfeld Menschen geben mag, die diese Entscheidung nicht gut heißen, wird ihm nicht verwehrt, den bisher eingeschlagenen Weg abzubrechen, um etwas anderes anzufangen. Seine Bildungseinrichtung mag kein Verständnis für die Entscheidung aufbringen, sie wird diese aber nicht als Krankheit definieren. Nur drei Jahre älter, wird diesem jungen Menschen zugestanden, Fehler zu machen, sollte er seine Entscheidung zu einem späteren Zeitpunkt womöglich bereuen.

Warum gesteht unsere Gesellschaft eine solche Entscheidung nicht einem 16jährigen zu, vor allem, wenn er klar äußert, dass er lernen will und wird?

In Gesprächen mit Befürwortern der Schulpflicht wird immer wieder angeführt, junge Menschen, die die Schule verweigern, würden sich nicht in die Gesellschaft integrieren, würden keinen Abschluss machen, keinen Job finden und würden auch keine sozialen Kontakte haben .

Ich will nicht leugnen, dass es schulverweigernde Jugendliche gibt, bei denen dies womöglich der Fall ist. Unsere eigenen familiären Erfahrungen mit unseren „schulverweigernden“ Kindern sind aber ganz andere. Auch wenn sie zum Teil ungewöhnliche Bildungswege gegangen sind, meistern sie ihr berufliches und soziales Leben mit all den Höhen und Tiefen, die einem im Leben begegnen.

Jetzt können die Skeptiker natürlich erwidern: Ja, das sind ja Ausnahmefälle, „Edelaussteiger“.

Nun, in meiner Arbeit begegne ich regelmäßig solchen „Ausnahmefällen“. Anstatt ihnen allerdings gleich den Stempel „Schulverweigerung = Störung = therapiebedürftig“ aufzudrücken, nehme ich diese jungen Menschen ernst: ihre Gründe für die Ablehnung des weiteren Schulbesuchs, die viele in unserer Gesellschaft leider gar nicht ernst nehmen, und auch ihre Vorstellungen in Bezug auf ihren weiteren Bildungsweg.

Die Erfahrung aus meiner mittlerweile neunjährigen Begleitung von jungen Menschen und ihren Familien auf diesem Weg zeigt, dass junge Menschen ihren Weg gehen, auch wenn es ihnen zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht gut geht und ihnen nicht zugetraut wird, einen anderen Weg zu gehen. Ich muss allerdings dazu sagen, dass diejenigen, die sich an mich wenden, in der Regel durch ihr familiäres Umfeld unterstützt werden.

Der Wechsel vom einen zum anderen Weg gestaltet sich nicht immer ganz einfach. Viele Jugendliche, die in der Schule in eine Verweigerungshaltung geraten sind, können diese nicht einfach so ablegen. Gerade wenn Bildung für sie gleichbedeutend ist mit schulischem Lernen, kann es vorkommen, dass sie erstmal in ein Loch fallen, weil sie nicht wissen, was sie machen wollen. Dennoch, auch sie finden ihren  Weg in ihr eigenes Leben und zu ihrer Bildung. Dies habe ich ein ums andere Mal beobachten können. Es gibt natürlich Faktoren, die das Ganze unterstützen: Vertrauen in die Fähigkeiten des jungen Menschen, sowohl in seine Heilungsfähigkeit als auch seine Bildungsfähigkeit und kein oder wenig Druck durch Eltern und vor allem durch  Behörden.

Auch wenn die Familie selbst eine vertrauensvolle Atmosphäre lebt, kann der behördliche Druck dazu führen, dass es eine ganze Weile braucht, bis der junge Mensch sich erholt hat und seine Bildung wieder aktiv in die Hand nimmt. Diese Woche hatten wir ein Gespräch mit einem 18jährigen jungen Mann und seinem Vater. Den jungen Mann und seine Eltern haben wir die letzten zweieinhalb Jahre begleitet. Bevor die Familie sich an uns wandte und auch noch während unserer Betreuung hat die Familie viel Druck durch die Behörden erfahren. Der junge Mann wollte schon in seiner Grundschulzeit nicht mehr zur Schule gehen. Es gab im Laufe der Zeit mehrere Maßnahmen, unter anderem Psychotherapie, und irgendwann als Maßnahme des Jugendamtes auch die Teilnahme an einem Schulverweigerungsprojekt, welches eine Wiedereingliederung in die Schule vorsah. Keine dieser Maßnahmen hat langfristig geholfen. Sie haben nur dazu geführt, dass der junge Mann immer unsicherer und unsicherer wurde und das Vertrauen in einen guten Teil der Erwachsenen verloren hat. Kurz bevor sich die Mutter an uns wandte, wurde vom Jugendamt eine psychiatrische Maßnahme verlangt. Ebenso wie der oben erwähnte Jugendliche, weigerte sich dieser junge Mann eine solche Maßnahme anzutreten. Danach sah sich das Jugendamt nicht mehr in der Lage, der Familie weiter zu „helfen“ und gab die Sache ans Gericht ab, um zu klären, ob eventuell eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. Zum Zeitpunkt der familiengerichtlichen Anhörung wurde der junge Mann schon von uns betreut. Wir hatten allerdings damals den Eindruck, dass er Zeit bräuchte, um zur Ruhe zu kommen, um Klarheit über seine Ziele zu erreichen. Er hatte wenige Interessen, verfolgte diese aber sehr tiefgehend und intensiv. Und er hatte kaum Sozialkontakte. Zeitweise ging er, wie die Eltern berichtet hatten, nicht aus dem Haus. Als wir ihn kennenlernten, hat er kaum mit uns geredet und konnte uns nicht anschauen. Er wirkte stark verunsichert. Es war zu spüren, unter welchem Druck er stand und ich konnte verstehen, dass jemand mit einer schulischen Sichtweise zu einer Therapie raten würde. Ich hatte allerdings eine andere Sichtweise. In meinen Augen zeigte er sein unsicheres Verhalten nicht, weil er die Schule nicht besuchte, sondern durch den fortdauernden Druck der Behörden, ihn wieder in die Schule zurückzubringen.

In der familiengerichtlichen Anhörung entschied der Richter, der Jugendliche müsse nicht mehr zur Schule gehen. Das nahm viel Druck aus der Familie. Der Richter verlangte aber, er solle sich auf den Hauptschulabschluss im nächsten Jahr vorbereiten, worauf sich der junge Mann einließ, wenn auch ungern. Er wurde von uns und von einer anderen Bildungseinrichtung bei dieser Vorbereitung unterstützt. In der Vorbereitungszeit wurde immer wieder deutlich, dass die Arbeit mit dem schulischen Stoff für ihn sehr schwierig war, nicht, weil er so viel „verpasst“ hatte, sondern weil die Themen und Materialien mit negativen Erinnerungen verbunden waren und deswegen so viel inneren Widerstand auslösten, dass er sich damit nicht auseinandersetzen konnte und wollte. Er hat sich wenig Zeit strukturiert vorbereitet, und auch dies nicht regelmäßig. Dennoch hat er sich im darauffolgenden Jahr aus eigener Initiative zur Prüfung angemeldet. Die Eltern und wir hatten es ihm offen gelassen, diese wirklich anzugehen oder doch auf das nächste Jahr zu verschieben. Er hat uns alle überrascht, hat nicht nur an allen Prüfungsteilen teilgenommen, sondern die Prüfung auch noch glänzend mit einem Einserschnitt bestanden, obwohl das vorher keiner vermutet hätte. Mir wurde damit wieder mal bestätigt, dass der Erfolg einer Prüfung nicht von der Intensität des Lernens, vom Zeitaufwand und der Dauer der Vorbereitung abhängt. Der junge Mann hat eine rasche Auffassungsgabe und ist hochintelligent, Gaben, die es ihm ermöglicht haben, auch mit wenig Zeitaufwand die wesentlichen Inhalte zu erfassen und umzusetzen. Auch hat er sich in der Zeit, in der er die Schule nicht besucht hat, nicht NICHT gebildet, nur eben anders. Er hat viele Dokumentationen zu verschiedensten Themen gesehen, sehr viel im Internet recherchiert, vieles auf Englisch angeschaut und gelesen, weil es da keine vergleichbare deutsche Lektüre gab, und Computerspiele gespielt. Dies waren alles Dinge, die andere Jugendliche in ihrer Freizeit auch machen. Von unserer Gesellschaft wird dies meist als Freizeitbeschäftigung angesehen und nicht als Lernen. Dass dies bei ihm nicht so war, hat er uns mit dieser Prüfung gezeigt.

Nach Abschluss der Prüfung wusste er nicht, wie sein weiterer Bildungsweg aussehen könnte. Er ging erstmal mit seiner Mutter ins Ausland und wir hatten länger keinen Kontakt mehr. Diese Woche war er, wie ich oben schrieb, wieder da. Es war schon beim ersten Anschauen deutlich, wir haben einen veränderten jungen Mann vor uns. Er hat offen über seine Erlebnisse im Ausland berichtet und auf unsere Fragen geantwortet. Auch wenn er noch nicht weiß, was er beruflich machen will, hat er jetzt das Ziel ins Auge gefasst, das Abitur zu machen. Und ich bin mir sicher, dass er, egal ob er jetzt diese Prüfung machen wird oder nicht, seinen beruflichen Weg finden und gehen wird.

Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass die Entscheidungsträger in Schulämtern, Jugendämtern und Gerichten zu der Einsicht kommen, dass psychiatrische Maßnahmen zur Wiedereingliederung in die Schule in vielen Fällen nicht hilfreich sind, sondern häufig kontraproduktiv, und oft für die jungen Menschen einen langen Leidensweg bedeuten. Schon vor längerer Zeit hat mir eine Lehrerin erzählt, dass sie immer wieder Schüler hat, die wegen ihrer Schulverweigerung regelmäßig jedes Schuljahr einen oder mehrere Aufenthalte in der Psychiatrie haben, was ihre Haltung zur Schule aber nicht ändert.

Unsere Erfahrung ist, dass gerade bei Jugendlichen ein kompletter Wechsel am heilsamsten ist. Natürlich brauchen viele erstmal die Ruhe zu Hause, um sich von dem Erlebten zu erholen. Vielen dieser jungen Menschen gelingt es aber auch, zu sich selbst zu kommen, indem sie ein oder mehrere Praktika machen. Im „richtigen“ Arbeitsleben werden sie anders behandelt, wie Erwachsene, nicht wie Schüler. Hier im wirklichen Leben werden sie plötzlich ganz anders wahrgenommen und bekommen durch die Rückmeldungen der Betreuer eine andere Perspektive auf sich selbst. Sie werden als Mensch angesehen und ihre Arbeit wird geschätzt.


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