„Ich will nicht in die Schule gehen!“ – therapiebedürftige Krankheit oder eine gesunde Reaktion?

Vor kurzem hatte ich wieder eine Mutter am Telefon, die durch die Erzählung der Schulverweigerungsgeschichte ihres Sohnes die Eingleisigkeit unseres Systems deutlich machte. Der akzeptierte Bildungsweg für junge Menschen ist der Besuch einer Schule und sonst nichts. Alternativen sind nicht zugelassen. Ja, noch schlimmer, will jemand diesen Bildungsweg nicht mehr gehen, bedeutet dies eine nicht akzeptable Verweigerung, es wird nicht als Willensentscheidung angesehen, sondern als „Verhaltensstörung“, als KrankheitEs wird als selbstverständlich und „normal“ vorausgesetzt, dass alle jungen Menschen die Verpflichtung zum Schulbesuch für sich selbst akzeptieren, ja eigentlich sogar bereitwillig zur Schule gehen. Wenn dies nicht der Fall ist, dann muss therapiert werden, entweder der junge Mensch selbst oder die Eltern oder auch beide.

Aber zurück zu der Situation des jungen Mannes, mit dessen Mutter ich telefonierte. Er ist 16 Jahre alt und will schon seit längerem nicht mehr in die Schule gehen. In den letzten Wochen wurde es ihm gänzlich unmöglich, weiter dorthin zu gehen. Die Schule betrachtet diesen jungen Mann als krank. Von der Schule wurden Gespräche beim Schulpsychologen und weitere therapeutische Maßnahmen vorgeschlagen, die die Familie auch wahrnahm. Eine Änderung der Situation haben sie aber nicht bewirkt. Das Jugendamt wurde eingeschaltet, der junge Mann bzw. seine Familie bekam auch für eine Weile einen Familienhelfer. Dieser sollte ihm helfen, wieder die Schule zu besuchen. Aber auch dieser schaffte es nicht, den jungen Mann zum Schulbesuch zu bewegen. Nun war letzte Woche ein Termin in einer psychiatrischen Einrichtung angesetzt. Natürlich ist die Teilnahme an einem solchen Termin freiwillig, aber der Druck durch Schule und Jugendamt wurde von der Familie als so stark empfunden, dass die Eltern diesen Termin vereinbart haben.

Der junge Mann hatte diesen Termin allerdings nicht vereinbart. Er hatte sich nicht freiwillig für die Teilnahme am Termin in der psychiatrischen Einrichtung entschieden. Am Morgen des Termins äußerte er sehr klar: „Ich will dort nicht hingehen. Ich bin nicht krank!“ Die Mutter nahm dies ernst und suchte nach Alternativen, was zu dem Telefonat mit mir führte. Sie selbst nimmt ihren Sohn auch nicht als krank wahr und meinte, sie könne nicht verstehen, warum die Schule, das Jugendamt und alle anderen Personen, die wegen der Schulverweigerung mit ihrem Sohn zu tun hatten, meinten, er sei krank, wenn er keinerlei „kranke“ Verhaltensweisen an den Tag legt: Er lernt gerne, er raucht nicht, er trinkt nicht und er fällt nicht aggressiv auf.

Wie so oft wirft eine solche Situation bei mir vor allem Fragen auf, Fragen, die mich dann wiederum ins Nachdenken bringen, auch wenn ich es meist nicht schaffe, eine Antwort zu finden. Was steckt dahinter, das unsere Gesellschaft dazu veranlasst, zu denken, es sei eine Krankheit, eine Verhaltensstörung, nicht in die Schule gehen sondern auf andere Art und Weise lernen zu wollen? Warum wird jungen Menschen so nachhaltig vermittelt, Bildung sei nur auf diese eine Art und Weise – in der Schule – möglich? Und sie, die jungen Menschen selbst, seien falsch, „gestört“, wenn sie sich auf eine andere Weise bilden wollen? Ist uns nicht klar, was wir diesen Menschen antun, nicht nur in dieser Situation sondern womöglich für einen langen Zeitraum ihres Lebens, wenn wir ihnen über Jahre hinweg vermitteln, sie seien nicht normal, nicht richtig? Warum steht im Bildungsbereich unsere gesellschaftliche Vorstellung von Bildung im Mittelpunkt und nicht der junge Mensch selbst mit seinen Wünschen und Bedürfnissen? Warum werden junge Menschen nur aufgrund ihres Alters in ihren Entscheidungen nicht ernst genommen und nicht darin unterstützt, diese umzusetzen, so dass es ihnen gut geht?

Absurd wird die Einstufung von Schulverweigerung als Krankheit, wenn ich mir zum Vergleich die Situation eines 19jährigen anschaue, der sich in Ausbildung oder Studium befindet. Entscheidet sich dieser nur 3 Jahre ältere junge Mensch dafür, den eingeschlagenen Weg nicht mehr weiterzugehen, was geschieht dann?. Auch wenn es in seinem Umfeld Menschen geben mag, die diese Entscheidung nicht gut heißen, wird ihm nicht verwehrt, den bisher eingeschlagenen Weg abzubrechen, um etwas anderes anzufangen. Seine Bildungseinrichtung mag kein Verständnis für die Entscheidung aufbringen, sie wird diese aber nicht als Krankheit definieren. Nur drei Jahre älter, wird diesem jungen Menschen zugestanden, Fehler zu machen, sollte er seine Entscheidung zu einem späteren Zeitpunkt womöglich bereuen.

Warum gesteht unsere Gesellschaft eine solche Entscheidung nicht einem 16jährigen zu, vor allem, wenn er klar äußert, dass er lernen will und wird?

In Gesprächen mit Befürwortern der Schulpflicht wird immer wieder angeführt, junge Menschen, die die Schule verweigern, würden sich nicht in die Gesellschaft integrieren, würden keinen Abschluss machen, keinen Job finden und würden auch keine sozialen Kontakte haben .

Ich will nicht leugnen, dass es schulverweigernde Jugendliche gibt, bei denen dies womöglich der Fall ist. Unsere eigenen familiären Erfahrungen mit unseren „schulverweigernden“ Kindern sind aber ganz andere. Auch wenn sie zum Teil ungewöhnliche Bildungswege gegangen sind, meistern sie ihr berufliches und soziales Leben mit all den Höhen und Tiefen, die einem im Leben begegnen.

Jetzt können die Skeptiker natürlich erwidern: Ja, das sind ja Ausnahmefälle, „Edelaussteiger“.

Nun, in meiner Arbeit begegne ich regelmäßig solchen „Ausnahmefällen“. Anstatt ihnen allerdings gleich den Stempel „Schulverweigerung = Störung = therapiebedürftig“ aufzudrücken, nehme ich diese jungen Menschen ernst: ihre Gründe für die Ablehnung des weiteren Schulbesuchs, die viele in unserer Gesellschaft leider gar nicht ernst nehmen, und auch ihre Vorstellungen in Bezug auf ihren weiteren Bildungsweg.

Die Erfahrung aus meiner mittlerweile neunjährigen Begleitung von jungen Menschen und ihren Familien auf diesem Weg zeigt, dass junge Menschen ihren Weg gehen, auch wenn es ihnen zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht gut geht und ihnen nicht zugetraut wird, einen anderen Weg zu gehen. Ich muss allerdings dazu sagen, dass diejenigen, die sich an mich wenden, in der Regel durch ihr familiäres Umfeld unterstützt werden.

Der Wechsel vom einen zum anderen Weg gestaltet sich nicht immer ganz einfach. Viele Jugendliche, die in der Schule in eine Verweigerungshaltung geraten sind, können diese nicht einfach so ablegen. Gerade wenn Bildung für sie gleichbedeutend ist mit schulischem Lernen, kann es vorkommen, dass sie erstmal in ein Loch fallen, weil sie nicht wissen, was sie machen wollen. Dennoch, auch sie finden ihren  Weg in ihr eigenes Leben und zu ihrer Bildung. Dies habe ich ein ums andere Mal beobachten können. Es gibt natürlich Faktoren, die das Ganze unterstützen: Vertrauen in die Fähigkeiten des jungen Menschen, sowohl in seine Heilungsfähigkeit als auch seine Bildungsfähigkeit und kein oder wenig Druck durch Eltern und vor allem durch  Behörden.

Auch wenn die Familie selbst eine vertrauensvolle Atmosphäre lebt, kann der behördliche Druck dazu führen, dass es eine ganze Weile braucht, bis der junge Mensch sich erholt hat und seine Bildung wieder aktiv in die Hand nimmt. Diese Woche hatten wir ein Gespräch mit einem 18jährigen jungen Mann und seinem Vater. Den jungen Mann und seine Eltern haben wir die letzten zweieinhalb Jahre begleitet. Bevor die Familie sich an uns wandte und auch noch während unserer Betreuung hat die Familie viel Druck durch die Behörden erfahren. Der junge Mann wollte schon in seiner Grundschulzeit nicht mehr zur Schule gehen. Es gab im Laufe der Zeit mehrere Maßnahmen, unter anderem Psychotherapie, und irgendwann als Maßnahme des Jugendamtes auch die Teilnahme an einem Schulverweigerungsprojekt, welches eine Wiedereingliederung in die Schule vorsah. Keine dieser Maßnahmen hat langfristig geholfen. Sie haben nur dazu geführt, dass der junge Mann immer unsicherer und unsicherer wurde und das Vertrauen in einen guten Teil der Erwachsenen verloren hat. Kurz bevor sich die Mutter an uns wandte, wurde vom Jugendamt eine psychiatrische Maßnahme verlangt. Ebenso wie der oben erwähnte Jugendliche, weigerte sich dieser junge Mann eine solche Maßnahme anzutreten. Danach sah sich das Jugendamt nicht mehr in der Lage, der Familie weiter zu „helfen“ und gab die Sache ans Gericht ab, um zu klären, ob eventuell eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. Zum Zeitpunkt der familiengerichtlichen Anhörung wurde der junge Mann schon von uns betreut. Wir hatten allerdings damals den Eindruck, dass er Zeit bräuchte, um zur Ruhe zu kommen, um Klarheit über seine Ziele zu erreichen. Er hatte wenige Interessen, verfolgte diese aber sehr tiefgehend und intensiv. Und er hatte kaum Sozialkontakte. Zeitweise ging er, wie die Eltern berichtet hatten, nicht aus dem Haus. Als wir ihn kennenlernten, hat er kaum mit uns geredet und konnte uns nicht anschauen. Er wirkte stark verunsichert. Es war zu spüren, unter welchem Druck er stand und ich konnte verstehen, dass jemand mit einer schulischen Sichtweise zu einer Therapie raten würde. Ich hatte allerdings eine andere Sichtweise. In meinen Augen zeigte er sein unsicheres Verhalten nicht, weil er die Schule nicht besuchte, sondern durch den fortdauernden Druck der Behörden, ihn wieder in die Schule zurückzubringen.

In der familiengerichtlichen Anhörung entschied der Richter, der Jugendliche müsse nicht mehr zur Schule gehen. Das nahm viel Druck aus der Familie. Der Richter verlangte aber, er solle sich auf den Hauptschulabschluss im nächsten Jahr vorbereiten, worauf sich der junge Mann einließ, wenn auch ungern. Er wurde von uns und von einer anderen Bildungseinrichtung bei dieser Vorbereitung unterstützt. In der Vorbereitungszeit wurde immer wieder deutlich, dass die Arbeit mit dem schulischen Stoff für ihn sehr schwierig war, nicht, weil er so viel „verpasst“ hatte, sondern weil die Themen und Materialien mit negativen Erinnerungen verbunden waren und deswegen so viel inneren Widerstand auslösten, dass er sich damit nicht auseinandersetzen konnte und wollte. Er hat sich wenig Zeit strukturiert vorbereitet, und auch dies nicht regelmäßig. Dennoch hat er sich im darauffolgenden Jahr aus eigener Initiative zur Prüfung angemeldet. Die Eltern und wir hatten es ihm offen gelassen, diese wirklich anzugehen oder doch auf das nächste Jahr zu verschieben. Er hat uns alle überrascht, hat nicht nur an allen Prüfungsteilen teilgenommen, sondern die Prüfung auch noch glänzend mit einem Einserschnitt bestanden, obwohl das vorher keiner vermutet hätte. Mir wurde damit wieder mal bestätigt, dass der Erfolg einer Prüfung nicht von der Intensität des Lernens, vom Zeitaufwand und der Dauer der Vorbereitung abhängt. Der junge Mann hat eine rasche Auffassungsgabe und ist hochintelligent, Gaben, die es ihm ermöglicht haben, auch mit wenig Zeitaufwand die wesentlichen Inhalte zu erfassen und umzusetzen. Auch hat er sich in der Zeit, in der er die Schule nicht besucht hat, nicht NICHT gebildet, nur eben anders. Er hat viele Dokumentationen zu verschiedensten Themen gesehen, sehr viel im Internet recherchiert, vieles auf Englisch angeschaut und gelesen, weil es da keine vergleichbare deutsche Lektüre gab, und Computerspiele gespielt. Dies waren alles Dinge, die andere Jugendliche in ihrer Freizeit auch machen. Von unserer Gesellschaft wird dies meist als Freizeitbeschäftigung angesehen und nicht als Lernen. Dass dies bei ihm nicht so war, hat er uns mit dieser Prüfung gezeigt.

Nach Abschluss der Prüfung wusste er nicht, wie sein weiterer Bildungsweg aussehen könnte. Er ging erstmal mit seiner Mutter ins Ausland und wir hatten länger keinen Kontakt mehr. Diese Woche war er, wie ich oben schrieb, wieder da. Es war schon beim ersten Anschauen deutlich, wir haben einen veränderten jungen Mann vor uns. Er hat offen über seine Erlebnisse im Ausland berichtet und auf unsere Fragen geantwortet. Auch wenn er noch nicht weiß, was er beruflich machen will, hat er jetzt das Ziel ins Auge gefasst, das Abitur zu machen. Und ich bin mir sicher, dass er, egal ob er jetzt diese Prüfung machen wird oder nicht, seinen beruflichen Weg finden und gehen wird.

Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass die Entscheidungsträger in Schulämtern, Jugendämtern und Gerichten zu der Einsicht kommen, dass psychiatrische Maßnahmen zur Wiedereingliederung in die Schule in vielen Fällen nicht hilfreich sind, sondern häufig kontraproduktiv, und oft für die jungen Menschen einen langen Leidensweg bedeuten. Schon vor längerer Zeit hat mir eine Lehrerin erzählt, dass sie immer wieder Schüler hat, die wegen ihrer Schulverweigerung regelmäßig jedes Schuljahr einen oder mehrere Aufenthalte in der Psychiatrie haben, was ihre Haltung zur Schule aber nicht ändert.

Unsere Erfahrung ist, dass gerade bei Jugendlichen ein kompletter Wechsel am heilsamsten ist. Natürlich brauchen viele erstmal die Ruhe zu Hause, um sich von dem Erlebten zu erholen. Vielen dieser jungen Menschen gelingt es aber auch, zu sich selbst zu kommen, indem sie ein oder mehrere Praktika machen. Im „richtigen“ Arbeitsleben werden sie anders behandelt, wie Erwachsene, nicht wie Schüler. Hier im wirklichen Leben werden sie plötzlich ganz anders wahrgenommen und bekommen durch die Rückmeldungen der Betreuer eine andere Perspektive auf sich selbst. Sie werden als Mensch angesehen und ihre Arbeit wird geschätzt.


Freilerner – eine Diskussion um den Begriff

Als wir 2012 die Freilerner-Solidargemeinschaft e.V. gegründet haben, hat sich die Gründungsgruppe für den Begriff „Freilerner“ im Namen entschieden. Die Auswahl an Begriffen war nicht sehr groß und wir wollten keine englischen Begriffe wie „Home Education“, „Unschooling“ oder gar „Homeschooling“ verwenden. Lange habe ich mich mit diesem Begriff nicht richtig wohl gefühlt. Die Diskussion über den Begriff in der Freilerner-Zeitschrift 2017 hat bei mir zu einer neuen intensiven Auseinandersetzung mit dem Begriff geführt und interessanterweise zu einer Änderung meiner eigenen Einstellung dazu.

Ich lehne englische Begriffe nicht per se ab, benutze diese hin und wieder auch selbst, dennoch fand ich alle englischen Entsprechungen schon damals nicht passend. Die vor allem in England benutzten Bezeichnungen  „Home Education“,„Home based Education“ oder „Autonomous Education“ fände ich grundsätzlich sinnvoll, sie werden aber hierzulande nicht benutzt und sind daher eher unbekannt. Und wenn man sowieso einen Begriff mit Leben füllen muss, weil das Gegenüber einen nicht versteht, dann finde ich, ist es sinnvoller, gleich einen deutschen Begriff zu verwenden. Leider ist es sehr schwierig, für die Begriffe angemessene deutsche Übersetzungen zu finden, vor allem weil das Wort „Education“ sich nicht eindeutig übersetzen lässt.

„Homeschooling“, der Begriff, der hier in Deutschland sicher am häufigsten benutzt wird, wird in Amerika als Sammelbegriff für alle benutzt, die ohne Schule lernen, auch wenn der Begriff sicher ursprünglich auch dort vor allem Schule zu Hause meinte. In Deutschland ist die gemeinte Bedeutung unterschiedlich, mal wird er als Überbegriff mit der Bedeutung verwendet, die in Amerika aktuell ist, mal versteht man darunter vor allem „Schule zu Hause“, wohl auch weil der Begriff sich so gut mit dem deutschen Wort „Hausunterricht“ übersetzen lässt, bei dem wahrscheinlich viele Freilerner, ähnlich wie ich, Bauchschmerzen bekommen. Zu schnell kommen mir da Assoziationen von „Schulräumen“ zu Hause oder „Mathematik am Küchentisch“, letzteres ja ein beliebter Titel von Zeitschriftenartikeln. In der juristischen und pädagogischen Fachdiskussion wurde lange Zeit ausschließlich der Begriff „Homeschooling“ verwendet, was sich aber – wahrscheinlich auch durch die von der Freilerner-Solidargemeinschaft durchgeführten Kolloquien – langsam ändert.

Bei „Unschooling“ gefällt mir der Bestandteil „schooling“ nicht. Schule wird hier negiert, aber durch die Wortwahl wird Schule hier doch wieder mit Bildung assoziiert und lässt meines Erachtens wenig Spielraum dafür, Bildung neu zu denken. Auch wenn klar ist, dass hier kein schulischer Unterricht stattfindet, entsteht da so eine Leere. Ja, wenn keine Schule besucht wird – wie wird denn dann gelernt? Der Schluss ist dann häufig: wenn kein schulischer Unterricht stattfindet, dann wird nichts gelernt. Durch die Ablehnung von Schule im Begriff entsteht bei vielen auch der Eindruck, Bildung würde gänzlich ablehnt.

Auch wenn Freilernern hin und wieder ebenfalls unterstellt wird, dass sie nichts lernen, ist dies für mich bei diesem Begriff etwas anderes. Der Begriff selbst ist in meinen Augen sehr offen und hat eine positive Bedeutung. In meinen Überlegungen zu diesem Begriff wurde mir klar, dass mich bisher die große Offenheit gestört hat. Ich fand es schwierig, dass der Begriff nicht klarer festlegt, wer damit gemeint ist. Meine inneren Schubladen wollten gerne eine klar umrissene Definition, zu der ich mich persönlich dann dazugehörig fühlen kann oder nicht.

Dies hat sicher auch mit unserer eigenen Freilernergeschichte zu tun. Als unsere Söhne 2001 mit Freilernen anfingen, hatte noch niemand hier in Deutschland von Unschooling, dem Begriff, den wir damals benutzten, gehört. Keiner konnte sich vorstellen, wie unsere Söhne sich bildeten. Damals wünschte ich mir einen Begriff, der den Menschen eben in einem Begriff deutlich macht, wie unsere Bildung aussieht und mich nicht ständig in Erklärungsnot geraten lässt, war dies doch für mich damals noch viel schwieriger zu erklären, als es heute ist. Wichtig war mir aber nicht nur die Beschreibung der Bildung, sondern auch die Abgrenzung von anderen, den Homeschoolern, denjenigen die Schule zu Hause machen. Ja, ich gebe es zu, ich war da zeitweise auch der Meinung, dass unser Weg der beste Bildungsweg der Welt ist und eigentlich alle anderen diesen Weg auch gehen sollten und konnte da auch ziemlich missionarisch werden.

Nach gefühlt unendlich vielen Debatten bei Freilernertreffen über die richtige Art und Weise der Bildungspraxis und dem richtigen Begriff dafür, bin ich davon abgekommen, eine feste Definition für die richtige Art und Weise der Bildungsausübung haben zu wollen. Bei der Auseinandersetzung über die Begrifflichkeiten habe ich festgestellt, dass ich es sogar begrüße, hier einen Begriff zu haben, der eben nicht eindeutig festlegt und damit bestimmt, was richtig ist. Dies führt fast automatisch zu Ab- und Ausgrenzung, da es damit auch festlegt, was richtig und was falsch ist.

Richtig und falsch sind für mich aber mehr mit Schule verbunden, und sollten in meinen Augen mit Freilernen nichts zu tun haben. Es geht schlussendlich nicht um die Praxis des Lernens. Es geht darum, ob der junge Mensch respektiert wird, ernst genommen wird, die Bildung selbst bestimmen kann oder zumindest mitbestimmen darf. Es geht um sein Selbstbestimmungsrecht.

Die grundgesetzlich verankerten Rechte gelten natürlich für alle Menschen, im Prinzip auch für junge Menschen unter 18 Jahren. Das Selbstbestimmungsrecht wird allerdings durch das Erziehungsrecht der Eltern stark eingeschränkt. Für junge Menschen besteht „Autonomie unter Vorbehalt“, Eltern wird, bis ihre Kinder 18 Jahre alt sind, das letzte Wort zugestanden. Daher sind auch in Bezug auf die Bildung die Eltern diejenigen, die bestimmen, welcher Bildungsweg gewählt wird. Auch diese haben nur eine eingeschränkte Wahl, wenn junge Menschen ins schulpflichtige Alter gekommen sind, sie können zwischen verschiedenen Schultypen wählen, aber ein Bildungsweg ohne Schule, gar von den Kindern selbstbestimmt, steht auch für sie nicht zur Wahl.

Über Selbstbestimmungs- und Mitbestimmungsrechte junger Menschen wird in unserer Gesellschaft zwar diskutiert, aber meist nur beschränkt auf wenige Bereiche wie z.B. beim Wahlrecht oder im Bereich gesundheitlicher Maßnahmen bei schwerkranken Kindern und Jugendlichen. Eltern sind zwar angehalten, die Entscheidungen und Meinungen ihrer Töchter und Söhne anzuerkennen und zu berücksichtigen. Dies hängt aber natürlich bei jeder Familie davon ab, welche Einstellung die Eltern in diesem Bereich haben.

Die Entscheidungen und Meinungen junger Menschen ernst zu nehmen, ist allerdings auch für diejenigen, die sich in diesem Bereich schon Gedanken gemacht haben, nicht immer einfach. Haben doch fast alle Eltern selbst in ihrer Kindheit einen paternalistischen Erziehungsstil mitbekommen und machen sich durch den Umgang mit ihren Kindern auf den Weg, eine eigene Haltung zu entwickeln und neue Umgangsformen auszuprobieren, bis diese sich als stimmig erweisen.

Alle Eltern, die mit ihren Töchtern und Söhnen zusammen einen Bildungsweg ohne Schule starten, sind diesbezüglich in ihrer ganz eigenen Situation. In vielen Fällen ist der Selbstbestimmungsaspekt nicht der ausschlaggebende Punkt für die Wahl dieses Weges, wie die folgende sicher unvollständige Beschreibung zeigt. Da gibt es:

Eltern, die Freiheit in der Bildung für ihre Kinder wollen, die sie natürlich lernen lassen wollen, ohne den schulisch vorgegebenen Rahmen. Oft haben sie eine solche Entscheidung schon vor der Einschulung getroffen.

Eltern, deren Töchter und Söhne im Laufe ihrer Schulzeit die schulische Bildung verweigern und klar NEIN dazu sagen, die sich aber bisher keine Gedanken über Alternativen zur schulischen Bildung gemacht haben.

Junge Menschen, die in der Schule krank wurden, denen das schulische System nicht gerecht wurde, die überfordert oder unterfordert waren, oder gemobbt wurden. Bei diesen steht der Gedanke an die ausweglose schulische Situation im Vordergrund. Gedanken an Alternativen können aufgrund der Situation gar nicht gemacht werden, da das Umgehen mit der schulischen Situation alle Energie braucht.

Familien wie unsere, denen die Selbstbestimmung ihrer Kinder in allen Lebensbereichen im Laufe des Zusammenlebens sehr wichtig geworden ist, und für die die Selbstbestimmung ihrer Töchter und Söhne in der Bildung natürlicherweise ein weiterer Aspekt ist, der ernst genommen werden muss, auch wenn dies dann ungewöhnliche Wege bedeutet.

Schaue ich mir die Familien mit ihren sehr unterschiedlichen Ausgangssituationen und Umgangsstilen an, wird deutlich: Abgrenzungen oder Ausgrenzungen in diesem Bereich vorzunehmen, wird weder den Menschen noch der Sache gerecht.

Ein Aha-Erlebnis hatte ich vor Jahren bei der Lektüre des Buches „Bildung zu Hause – eine sinnvolle Alternative“ von Alan Thomas. Darin wurde sehr deutlich, dass die Bildungspraxis zu Hause nichts Statisches ist. Viele Familien gaben an, sie hätten mit „Schule zu Hause“ angefangen, einfach, weil sie nichts anderes kannten. Der Großteil hat das dann aber mehr oder weniger schnell wieder aufgegeben und ist zu informellen und non-formalen Lernformen übergegangen. Vielen war es zu anstrengend, jeden Tag Unterricht zu machen, es wurde als sehr mühsam erlebt, das eigene Kind zu unterrichten und zu merken, dass dieses nur gelangweilt war. Im Gegensatz dazu konnten alle Eltern beobachten, wie schnell die Kinder lernten, wenn sie sich mit dem beschäftigten, was sie interessierte. Mein Eindruck nach dem Lesen des Buches, dass es bei Freilernerfamilien im Laufe ihrer Freilernerpraxis eine Tendenz zu informellem Lernen gibt, wurde durch die Erfahrungen der letzten 10 Jahre in meiner beruflichen Praxis bestätigt.

Begrifflich enge Festlegungen vorzunehmen, mag es einfacher machen, die Menschen einzuordnen, aber bei Freilernern ist dies ein Ding der Unmöglichkeit, mal ganz davon abgesehen, wer würde für sich in Anspruch nehmen, zu bestimmen, was denn „frei sich bilden“, „sich selbstbestimmt bilden“, „Unschooling“ oder „Freilernen“ genau bedeutet. Die Uneindeutigkeit des Begriffs „Freilernen“ lässt den Familien den Freiraum, in das Leben und die Bildung hineinzuwachsen, die für sie stimmig ist und lässt für viele ein Dazugehörigkeitsgefühl zu.

Und nicht ganz unwesentlich: Die Vielfalt der der Lebensweisen von Freilernerfamilien und ihrer Bildungspraxis hat den Vorteil, diese Menschen als Gruppe nicht mehr auf einige wenige Merkmale festzulegen, wie z.B. „Das sind nur Familien mit viel Geld!“, „Das sind religiöse Fanatiker!“ oder „Das sind esoterische Spinner!“. Ja, all diese Menschen gibt es wahrscheinlich auch unter den Freilernern, genauso wie unter den Familien, die ihre Kinder zur Schule schicken, aber der größte Teil sind ganz normale „Durchschnittsmenschen“. Wäre Bildung ohne Schule in Deutschland erlaubt und anerkannt, dann gäbe es bei den Freilernern einen ähnlichen Querschnitt der Gesellschaft, wie es Mike Fortune-Wood für Großbritannien in seiner Studie „The Face of Home-Based Education 2: Numbers, Support & Special Needs“ herausgefunden hat.


Ist frei sich bilden ganz einfach?

Die Entscheidung ist getroffen. Der Sohn oder die Tochter geht nicht mehr zur Schule und bildet sich von zu Hause aus. Damit kann für die Eltern ein unsicherer Weg beginnen. Auch wenn sie sich schon mit den Themen „Freilernen“, „Bildung ohne Schule“, „Unschooling“ oder „Home Education“ beschäftigt und womöglich schon einiges dazu gelesen haben, ist der Schritt in die Praxis dann doch etwas anderes. Eltern haben oft (auch unbewusst) eine gewisse ideale Vorstellung von der Praxis im Kopf. Dies kann eine Vorstellung von schulisch orientiertem Lernen sein, weil man nichts anderes kennt. Aber ebenso kann auch ein Bild von Unschooling/Freilernen da sein, entstanden durch entsprechende Literatur, in welchem der junge Mensch aktiv die eigene Bildung in Angriff nimmt.

 

Deschooling – ganz einfach

Es gibt junge Menschen, bei denen gestaltet sich der Übergang leicht. Da stellen Eltern dann nach kurzer Zeit fest, dieser Wechsel war genau das Richtige für den jungen Menschen. Es erscheint so, als ob das Korsett, was ihn vorher eingeengt hat, jetzt weg ist und alle Energie in den eigenen Bildungsprozess fließen kann. Diese jungen Menschen finden immer eine Beschäftigung und haben Ideen, denen sie nachgehen. Wir haben dies mit einem unserer Söhne erlebt, der auf die Frage seiner Oma, wann er denn mit Lernen beginnen würde, antwortete: „Jetzt mache ich erst Mal drei Wochen Ferien und dann fange ich an!“ Genauso klar wie diese Antwort hat er dann auch seine Bildung in die Hand genommen.

 

Oder doch nicht so einfach

Leider verhält es sich aber nicht bei jedem jungen Menschen so, dass die Umgewöhnung so schnell geht. Viele haben im Laufe ihrer Schulzeit vergessen, was sie eigentlich interessiert und können ihre Bedürfnisse nur schlecht spüren. Es können tiefe Verletzungen aus der Schulzeit vorhanden sein, die den jungen Menschen alles ablehnen lassen, was auch nur von weitem nach Lernen riecht. Dies kann dazu führen, dass der Alltag am Anfang erst einmal gar nicht so schön aussieht, wie sich Mutter oder Vater dies vorgestellt hat. Langeweile kann den Alltag bestimmen und stundenlanges Hocken vor dem Computer, dem Fernseher oder der PlayStation. Der Tag- und Nachtrhythmus verschiebt sich und die jungen Menschen schlafen bis in den Nachmittag und sind dafür dann bis in die Morgenstunden wach. All dies wird von vielen Eltern als bedrohlich empfunden und kann Angst auslösen. Gerade wenn sie sich womöglich schon ausführlich mit der Philosophie des Freilernens oder Unschooling auseinander gesetzt haben, gelesen haben, dass es darum geht, den jungen Menschen als Individuum anzuerkennen, das Vertrauen darin zu haben, dass dieser Mensch weiß, was er braucht und weiß, was ihn interessiert. Und sie sehen sich dann einem jungen Menschen gegenüber, der nicht weiß, was er will, dem langweilig ist oder der sich exzessiv mit Computerspielen beschäftigt. Diese Angst kann dann zum Beziehungskiller werden, Auseinandersetzungen können folgen und die gewünschte Vertrauensbasis kann erstmal in weiter Ferne scheinen.

 

Herausforderung für Eltern

Mit den eigenen Töchtern und Söhnen einen anderen Bildungsweg zu gehen, ist eine Herausforderung für alle, ganz besonders eben auch für die Eltern. Auch sie begeben sich auf einen neuen Bildungsweg. Für Mütter und Väter kann das heißen, ihre Vorstellungen von Bildung in Frage zu stellen, ihr Bild von „richtigem“ und „falschem“ Verhalten, von richtigem und falschem Lernen – gerade in Bereichen, in denen es kein richtig und falsch gibt, sondern tradierte gesellschaftliche Sichtweisen, die unhinterfragt seit langem weitergegeben werden. Tradierte Sichtweisen zu hinterfragen, kann dazu führen, dass sich in der Beziehung zum jungen Menschen etwas ändert, weg von dem Modell der allwissenden und tonangebenden Eltern hin zum Zuhören, Wahrnehmen und Akzeptieren. Damit öffnet sich eine Chance, die Beziehung zu verbessern.

 

Akzeptieren

Zum Akzeptieren gehört, zu erkennen, dass es Zeit braucht, bis die Tochter oder der Sohn in sein neues Leben hinein gefunden hat. Die meisten von uns „Erwachsenen“ haben selbst schon Brüche in ihrem Leben durchlebt und wissen aus eigener Erfahrung, dass bei einem raschen Wechsel von einer Lebenssituation in eine neue Situation Anfangsschwierigkeiten bewältigt werden müssen. Wenn wir uns bewusst machen, welch grundlegende Änderung beim Wechsel von einer überwiegend fremdbestimmten Bildungssituation hin zum Übernehmen der Verantwortung für die eigene Bildung stattfindet, kann es nicht verwundern, wenn es hin und wieder Probleme gibt. Ich würde es mit der Situation eines Erwachsenen vergleichen, der sich nach einer Zeit im Angestelltenverhältnis selbstständig macht. Nachdem er bisher zugewiesene Aufgaben abgearbeitet hat, ist er plötzlich für alle Bereiche selbst verantwortlich, muss selbstständig strukturieren und organisieren. Die eigene Bildung für sich selbst wieder zu erobern, kann eine ähnliche Herausforderung sein.

 

Wahrnehmen

Zum Wahrnehmen gehört, Verletzungen zu erkennen und den jungen Menschen dabei zu begleiten, diese zu überwinden. „Zeit heilt alle Wunden“ heißt es. Oft genug habe ich beobachtet, dass dies auch in diesem Bereich zutrifft. Das heißt nicht, dass wir oder unsere Tochter, unser Sohn nicht auch Hilfe in Anspruch nehmen können, wenn die Verletzungen zu tief sind. Aber in jedem von uns stecken enorme Selbstheilungskräfte, die uns helfen, zu gesunden. In dieser Zeit braucht es zeitweise feine Fühler, um die Interessen und Bedürfnisse der eigenen Töchter und Söhne zu erspüren, um sie dabei zu unterstützen, diese zu verwirklichen. Wird dies nicht als Pflichterfüllung aufgefasst, können Eltern dabei für sich selbst wieder die Begeisterung für unbekannte oder vernachlässigte Themen finden. Auch kann es großen Spaß machen und die Beziehung fördern, Themen gemeinsam zu erkunden oder gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden. Manche jungen Menschen empfinden jegliche Vorschläge vonseiten der Eltern als Einmischung. Dann kann es heißen, sich selbst in Geduld zu üben und diese ihrem eigenen Prozess zu überlassen. Langeweile, lang genug ausgehalten, führt zu neuen Ideen.

 

Vertrauen schaffen

Junge Menschen, die in der Schule einen langen Leidensweg hatten, haben oft von ihren ebenfalls mit der Situation überforderten Eltern in dieser Zeit widersprüchliche Botschaften bekommen. Bei mir schwankten diese Reaktionen zwischen Ignoranz in meist nicht ausgesprochenen Sätzen wie „Ich will meine Ruhe haben! Mach doch einfach, was die Lehrer sagen! Verhalte dich so unauffällig wie möglich!“ und mich in Gesprächen für mein Kind stark zu machen, oder mich durch das Leid meiner Kinder in eigenen alten, unverarbeiteten Erinnerungen zu verlieren. Sowohl die Ignoranz als auch das Verlieren in eigenen Erinnerungen sind für den Sohn oder die Tochter nicht hilfreich, um eine Vertrauensbasis zu schaffen. Vermischen sich allerdings die Botschaften und sind mal unterstützend, mal ignorierend oder sogar anklagend, führt dies zu großer Verunsicherung beim jungen Menschen.

Es braucht Zeit, bis der Sohn, die Tochter wieder Vertrauen fassen kann und den Eltern gegenüber Offenheit zeigen kann. Meiner Erfahrung und Beobachtung nach ist es hier hilfreich, als Mutter, Vater oder andere Bezugsperson mit dem Vertrauen eine Art Rahmen bereit zu stellen oder zu halten: „Ich sehe, dir geht es nicht gut, ich bin aber sicher, du schaffst es, aus der Verwirrung herauszufinden.“

 

Zuhören

Es ist einfach, zu sagen, dass Vertrauen in den jungen Menschen das Wichtigste für ihn und den Bildungsprozess ist. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es nicht immer einfach ist, dieses Vertrauen zu halten. Die Angst nicht nur zu spüren, wenn der junge Mensch erst nachmittags aus dem Bett kommt und dann gleich vor dem Computer verschwindet, sondern sie auch auszudrücken, darüber mit der Tochter oder dem Sohn ins Gespräch zu kommen, führt zum Zuhören. Die Angst zu nutzen, um ins Gespräch zu kommen, setzt allerdings voraus, unsere Ängste und Befürchtungen zu hinterfragen.  Welches Verhalten löst die Angst aus? Ist diese Angst begründet? Junge Menschen haben feine Fühler und spüren diese Angst. Daher kann das Aussprechen der eigenen Angst dazu führen, mit der Tochter, dem Sohn ins Gespräch zu kommen über die angstauslösenden Themen und damit zum Zuhören führen. Welche Sicht hat die Tochter, der Sohn zu diesem Thema?

 

Hinderliche gesellschaftliche Glaubenssätze

Bei vielen Verhaltensweisen junger Menschen werden in unserer Gesellschaft Angstszenarien aufgebaut. Die meisten Eltern haben dies beim Thema „Bildung ohne Schule“ schon mitbekommen. Hier werden gerne einfache Kausalketten vermutet: Schulverweigerung ist gleich Bildungsverweigerung! Die Folge ist, der junge Mensch bekommt keinen Abschluss, keinen Job und wird später der Gesellschaft zur Last fallen. Ähnliche Voraussagen gibt es auch fürs Spätaufstehen: „Der bekommt später nie einen Job!“ oder exzessive Computernutzung: „Davon wird man abhängig!“. Diese und ähnliche Aussagen können, gerade wenn sie von Freunden oder Verwandten oft geäußert werden, zu solchen schwarzen Momenten führen, in denen einem selbst ein kleines Teufelchen auf der Schulter sitzt und einem einhaucht: „Da seid ihr aber auf dem besten Weg, einen Versager zu produzieren!“ Werden diese Aussagen nicht hinterfragt, können sie zu Beziehungskillern werden. Was kann also helfen, mit diesen Ängsten anders umzugehen und wieder ins Vertrauen zu gelangen?

 

Ins Gespräch kommen

Auch in unserer Familie, wie in vielen anderen Familien, führte das Thema Mediennutzung zu Auseinandersetzungen. Nach mehreren Jahren der Versuche, Begrenzungen festzulegen und durchzusetzen, aber gleichzeitig auch die Befürchtungen zu hinterfragen, kamen wir zu einer freieren Haltung zu diesem Thema. Es war allerdings ein langer, jahrelanger Prozess mit vielen Gesprächen und Auseinandersetzungen, davon loszulassen, vermeintlich zu wissen, was gut für unsere Töchter und Söhne ist. Auch wenn wir am Ende dieses Prozesses unseren Töchtern und Söhnen die Freiheit zugestanden, die Medienzeit selbst zu bestimmen, waren zumindest bei mir immer mal wieder Befürchtungen zu spüren. Als unsere zwei älteren Söhne erst seit Kurzem zu Hause waren, arbeitete ich noch in einer freien Alternativschule als Schulleiterin. Im Team herrschte die Meinung vor, es sei sinnvoll, den Medienkonsum auch zu Hause am besten gänzlich zu verbieten. Unser jüngster Sohn war zu dieser Zeit noch an dieser Grundschule. Unser Zweitjüngster durfte auch immer wieder mitkommen, obwohl er eigentlich nicht mehr im Grundschulalter war, aber er nicht alleine zu Hause bleiben wollte. Wir selbst hatten keinen Fernseher, aber die beiden waren regelmäßig bei den Großeltern und schauten dort auch fern. Die Situation in unserem Team spitzte sich zu dieser Zeit so zu, dass ich zu hören bekam, wir sollten den Besuch bei den Großeltern unterbinden, da unsere Söhne dort zu viel fernsehen würden. Die Gespräche darüber würden das Geschehen in der Schule negativ beeinflussen. Mal abgesehen davon, dass unsere Söhne nicht die einzigen waren, die fernschauten,  fand ich den Vorschlag regelrecht abstrus. Warum sollten wir die gute Beziehung unserer Söhne zu ihren Großeltern aufs Spiel setzen nur wegen dem Medienkonsum, den sie dort hatten, was ja noch nicht mal jeden Tag vorkam. Obwohl meine eigene Angst in Bezug auf Mediennutzung zu diesem Zeitpunkt nicht mehr allzu ausgeprägt war, meine Kolleginnen es aber doch geschafft hatten, dieses Teufelchen auf meiner Schulter anzufeuern, brachte ich diese Angst im Gespräch mit unserem Söhnen zum Ausdruck und war, wie so oft in solchen Gesprächen, verblüfft über ihre Klarheit. Beide Söhne äußerten, dass sie eine Zeit lang so ziemlich alles angesehen haben, was man in der Feierabendzeit sehen konnte. Sie hatten dabei aber festgestellt, dass viele der Sendungen langweilig sind. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs markierten sie sich alles, was sie gerne sehen wollten, in der Fernsehzeitung der Großeltern um dies dann nicht zu verpassen. Erneut wurde mir durch diese Antwort bewusst, welche Qualität darin liegt, wenn junge Menschen solche Entscheidungsprozesse selbst führen dürfen.

 

Austausch mit anderen Freilernern

Sorgen und Bedenken können auch im Gespräch und Austausch mit anderen Eltern abgebaut werden. Bei Freilernertreffen können gerade Berichte von Eltern älterer Freilerner über den Umgang mit den Anfangsschwierigkeiten hilfreich sein. Zu hören, dass der Sohn von Familie G. ebenfalls drei Jahre lang erst nachmittags aus dem Bett kam und dafür die Nacht zum Tag gemacht hat, kann einen dazu veranlassen, erstmal innerlich aufzuseufzen: „Oh je, so lange müssen wir das aushalten!“ Dann aber zu hören, dass gerade dieser Sohn nun keinerlei Problem hat, morgens in aller Frühe aus den Federn zu kommen, weil er ein Praktikum macht, sorgt für Erleichterung. Diese jungen Freilerner bei Freilernertreffen zu erleben, ihr Auftreten, ihre offene Art und Weise und ihr Umgang mit anderen, mit Erwachsenen, Gleichaltrigen und Jüngeren, kann das sein, was einen am allermeisten von Sorgen und Ängsten befreit.

 

Nochmals unsere Geschichte

Ich freue mich, durch unsere eigenen vielfältigen Kontakte aber auch durch meine Betreuungs- und Beratungsarbeit die Entwicklung vieler junger Menschen oft über Jahre hinweg verfolgen zu dürfen und zu sehen, wie diese gerade auch nach schwierigen schulischen Situationen ihr eigenes Leben (wieder) in die Hand nehmen und meistern. Ich möchte abschließen mit der Geschichte unseres ältesten Sohnes, der ebenfalls eine Zeit gebraucht hat, bis er wieder zu sich gefunden hat. Er hatte eine mehrjährige Mobbingphase in der Schule hinter sich. Nachdem er zu Hause blieb, schlief er in den ersten Monaten viel. Ich hatte vorher die Geschichte „Der schlafende Schüler“ aus der Sudbury Valley School gelesen, die mir zeigte, dass es normal sein kann, nach einem Schulausstieg viel zu schlafen. Mein Eindruck war daher, dass er sich gesund schläft. Er hatte in dieser Zeit verschiedenste Sachen angefangen und sich auch an Projekten der Jüngeren beteiligt, aber es hat einige Monate gedauert, bis er sein eigenes Thema fand. Im Internet fand er eine Anleitung zum Bau einer Schmiedeesse aus Ytong. Er baute diese nach und fing an zu schmieden. Nachdem es mit dieser kleinen Esse nicht ganz so gut klappte wie gedacht, verbesserte er die Konstruktion noch durch den Anbau eines Föns. Leider hielt der Ytong die hohen Temperaturen beim Schmieden nicht lange aus und so brach diese kleine Esse schnell entzwei. Wir kauften daraufhin über einen Bauern in unserer Gegend eine Feldesse und ein paar Schmiedewerkzeuge. Die Begeisterung fürs Schmieden hielt sich über mehrere Jahre. Unser Sohn fand einen Bekannten, der ihm Grundkenntnisse vermittelte und besuchte zu einem späteren Zeitpunkt auch noch zusammen mit seinem Vater Kurse bei einem Schmied. Diese Tätigkeit führte im wahrsten Sinne des Wortes dazu, dass er auch sein inneres Feuer fand. Gerade in seiner Entwicklung stellten wir fest, dass es reicht, die Begeisterung für eine Tätigkeit zu finden. Dies führte dann ganz von selbst auch zu weiteren Themen und Tätigkeiten.